28.03.2017    

Von „Ultra-Schall-Schweinen“, Daueralarm und Fleißarbeit

Der symbolische Spatenstich durch Altbundeskanzler Helmut Kohl und der Presserummel lagen drei Jahre zurück, als im Herbst 1997 der Ofen H1001 in der Atmosphärischen Destillation gezündet wurde. Das brachte den eigentlichen Stein ins Rollen, den Meilenstein in der Geschichte der Mitteldeutschen Chemieindustrie. Denn in diesem Zeitraum ging Europas modernste Raffinerie, erbaut durch den französischen Mineralölkonzern Elf Aquitaine in Betrieb. Viel Rohöl ist seitdem geflossen, genauso viel Herzblut durch die Mitarbeiter. In diesem Jahr feiert das größte deutsch-französische Gemeinschaftsprojekt der Nachkriegsgeschichte 20-jähriges Jubiläum. Die TOTAL Raffinerie Mitteldeutschland blickt mit Zeitzeugen auf die Geburtsstunde der Anlage zurück. Heute: Seit 20 Jahren dabei und kurz vorm Ruhestand: Bernd Jandl, Schichtleiter im Tanklager.

Bernd Jandl, Schichtleiter im Tanklager. Foto: Michael Deutsch

Es gibt Episoden, die vergisst man nicht. Auch nicht nach 20 Jahren. Bernd Jandl, Schichtleiter im Betrieb R-PO („Offsites“), muss deshalb nicht lange überlegen. Der 63-Jährige, der im Juni dieses Jahres in den Ruhestand geht, kann wie kaum ein anderer von den Anfängen und der Inbetriebnahme der Messwarte berichten – und eben auch vom „Ultra-Schall-Schwein“? Bitte was?

Doch für die Erklärung muss der gebürtige Zeitzer doch etwas weiter ausholen. Bernd Jandl ist kein Leuna-Urgestein wie viele seiner Kollegen in der Messwarte. Er stammt aus Zeitz und erlernte 1970 den Chemiefacharbeiterberuf mit Abitur. Fortan arbeitete er als Anlagenfahrer in den damaligen Hydrierwerken Zeitz, die auf Braunkohlebasis Treibstoffe produzierten. 1979 nahm er ein Fernstudium auf und wurde bereits ein Jahr später als angehender Ingenieur für organische und anorganische chemische Technologie zum Schichtleiter befördert. Dann kam die Wende. Ende 1995 wurde die Produktion eingestellt und das Zeitzer Werk zum 30. Juni 1996 endgültig stillgelegt. „Keiner wusste in dieser Zeit, wie es weitergeht. Doch ich hatte Glück. Ich wurde mit acht anderen Kollegen für die neue Raffinerie in Leuna vorgeschlagen, so dass ich an der Bewerbungsrunde teilnehmen konnte“, berichtet Jandl. Das Auswahlverfahren war hart. Drei Tests mussten durchlaufen werden. „Dabei ging es nicht nur um Wissen, sondern auch um die Belastbarkeit im Beruf.“

Am 1. Juli 1996 ging Bernd Jandl erstmals durchs Leunaer Werktor. „Die neue Raffinerie befand sich noch mitten im Bau, nur etwa ein Drittel der Anlage mag gestanden haben“, erinnert er sich. „Aber wir konnten uns das eh nicht aus der Nähe ansehen, denn wir drückten die Schulbank, lernten zunächst intensiv Englisch. Fach-Englisch!“, betont Jandl. Das hat so mancher Kollege am Anfang nicht verstanden. Aber bald war klar, dass das zum Verständnis unerlässlich war. Die Dokumentation der Anlage inklusiv der Messwarte waren ursprünglich in Englisch verfasst. „Natürlich hatten wir auch Anleitungen in deutscher Sprache. Doch diese waren aus dem Englischen zunächst ins Französische und dann ins Deutsche übersetzt worden. Bei diesen sprachlichen Umwandlungen schlichen sich markante Fehler ein“, weiß Jandl. Lustiges Beispiel hierfür ist der „Ultrasonic pic“. Im Alltagsjargon auch Molch genannt, spürt dieser spezielle „Pic“ in den Rohrkörpern Undichtheiten auf. Bei der Übersetzung dieser technischen Apparatur ins Deutsche passierte nun folgender Fauxpas: „In unseren Unterlagen stand wortwörtlich „Ultra-Schall-Schwein“. Das sorgte natürlich für ein Riesengelächter.“

Wurden die Schichtleiter in der Anfangszeit intensiv geschult, wurde ihnen bald auch Verantwortung übertragen. Sie mussten die Betriebsvorschriften erarbeiten und waren für die Auswahl und Ausbildung der Mitarbeiter verantwortlich. Just in dieser Zeit entstand auch die heutige Messwartenstruktur, die in fünf Konsolen unterteilt ist. Demnach fallen die Bereiche der Destillation in den Aufgabenbereich von Konsole 1/2. Die Konsolen 3/4 sind für die Katalyse zuständig. Und last but not least ist die Konsole 5 berufliche Heimat von Bernd Jandl geworden. „Ich bin verantwortlich für das Rohöl-, Flüssiggas- und Bitumen-Tanklager sowie für die gesamten Fackelnetze und die Abwasseraufbereitung“, erklärt er. Dabei kam diesem Metier eine besondere Bedeutung zu. Denn, um in den Anfahrbetrieb überzugehen, mussten zuvor Produkte wie das Erdöl oder Vakuumrückstände in den Tanks voreingelagert werden. Im Mai 1997 war es dann soweit. Die Messwarte ging in Betrieb. Und Bernd Jandl hat die Strapazen nicht vergessen. „In der Anfahrphase, am Tag X, hatten wir 1.600 Alarme auf dem Bildschirm. Und das waren keine Falschmeldungen, das war wirklich echt. Hauptsächlich lag es daran, dass die Messungen einfach noch nicht optimiert liefen.“ Man müsse sich zudem vorstellen, was für ein Krach in der Messwarte herrschte. Jedes einzelne Alarmprotokoll wurde über einen Nadeldrucker ausgedruckt. Alles lief gleichzeitig, es rasselte aus jeder Ecke. „Wir stellten spanische Wände auf, um einigermaßen die Bereiche abzuschirmen und zu beruhigen“, erinnert sich Jandl weiter. Obwohl es Schichtpläne gab, blieb so mancher länger in der Messwarte. Ehrgeiz und Fleiß trieben alle an. Nach und nach bekam man die Sache in den Griff. „Nach ein bis zwei Monaten wurde es ruhiger.“

Die Anforderungen sind über die Jahre stetig gewachsen. Einerseits, so Jandl, sei die Raffinerie gealtert. Die Wartungsaufgaben und die Reparaturhäufigkeiten nehmen zu. Andererseits stiegen die Produktionsmengen und Qualitäten. Etwa bei den Dieselkraftstoffen. Jandl weiß noch gut, dass 1996 noch 500 ppm (parts per million) Schwefel in Kraftstoff erlaubt waren. „Heute sind es 50 ppm, oft liegen wir schon unter 10 ppm und liefern damit nahezu schwefelfreie Produkte.“ Weil die Anforderungen an die Reinheit stiegen, mussten die Anlagen sukzessive angepasst werden. Außerdem brauchte man mehr Kapazität. „Deshalb kam 2008 eine dritte Hydrierungsanlage hinzu“, sagt der Ingenieur, der schon ein wenig stolz ist, dass er an dieser Entwicklung teilnehmen konnte. „Man kann wirklich behaupten, dass wir Vorreiter in Sachen Technologie sind. Selbst Konzerne wie z.B. Shell, Aral und andere haben zeitweilig Dieselkraftstoffe von uns bezogen, mit denen sie ihre Produkte aufwerten konnten“, so der erfahrene Schichtleiter. „Für mich ist es trotzdem leichter geworden“, sagt er. Warum? „Nun, früher war ich als Schichtleiter immer mit draußen vor Ort, habe die Leute eingewiesen und gezeigt, was bei welcher Situation zu tun ist. Heute sind alle optimal auf die Anlage eingestellt, ich muss nicht mehr ständig vor Ort sein“, feixt der erfahrene Schichtleiter, der sein Wissen über die Jahre an ca. 20 Lehrlinge weitergegeben hat.

Und dennoch: Es war immer ein Arbeitsleben im Schichtbetrieb. Kann man sich damit arrangieren? „Es wird von Jahr zu Jahr schwerer“, gesteht Jandl. Das Zeitfenster von der Nachtschicht in die Frühschicht sei recht kurz und der Körper mache das nicht mehr so locker mit wie früher. Und doch wirkt er ein wenig wehmütig, wenn er an den Abschied denkt. „Ich habe viele Hobbys, ich fotografiere gerne und habe einen großen Garten“, sagt der 63-Jährige. „Andererseits weiß man aber auch, dass jetzt die letzte Phase des Lebens anbricht.“ Das Interview führte Michael Deutsch.